ERENE – ein Deal, bei dem alle gewinnen
2. Juni 2009
Von Michaele Schreyer
Von Michaele Schreyer

Eindringlicher, aber auch ermutigender hätte das Plädoyer von Al Gore auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos für einen „Green stimulus“ nicht ausfallen können: ein Plädoyer für Maßnahmen, weltweit die Energieversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Konkret hieß das bei Al Gore, ein umspannendes intelligentes Stromnetz zu schaffen, mit dem sauberer Strom zum Beispiel aus den sonnigen Staaten des amerikanischen Südwestens und aus den Windkorridoren der Bergregionen zu den großen Städten und den Orten des Verbrauchs transportiert wird. Ein Stromnetz, das in der Lage ist, Nachfrage wie Angebot effizient zu managen.

Es ist genau diese Idee, die auch ERENE (Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien) zugrunde liegt. Europas Reichtum ist seine Vielfalt. Auch im Energiebereich. Aufgrund seiner klimatischen, geologischen, hydrologischen Vielgestaltigkeit verfügt Europa über alle erneuerbaren Energiequellen: Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme, Biomasse. Aber natürlich sind diese räumlich nicht gleich verteilt, sondern in regional unterschiedlichen Konzentrationen und Kombinationen anzutreffen – mit dem höchsten Potenzial für Wasserkraft in Skandinavien und den Zentralalpen, für Solarkraftwerke in den Mittelmeerstaaten, Geothermie im Südosten Europas, für Windkraft entlang den Küsten und mit den höchsten Biomassepotenzialen im Norden und Nordosten.

Zusammen, so die detaillierte Analysen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, verfügen die Mitglieder der Europäischen Union, dazu Norwegen, Island und die Schweiz, über ein Potenzial an grünem Strom, das erheblich größer ist als der gesamte heutige und wohl auch zukünftige Strombedarf. Es ist Europa also möglich, den Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien zu decken.

Bisher wird in der EU nur ein kleiner Teil dieses Potenzials genutzt. Im Jahr 2005 waren es im Durchschnitt gerade mal zehn Prozent. Auch wenn seither das Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energiequellen stieg, ist klar: Europa beginnt gerade erst, seine eigenen reichhaltigen erneuerbaren Energiequellen zu nutzen.

Die EU hat nun beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch zwanzig Prozent erreichen soll. Das ist erfreulich. Durch nationale Aktionspläne sollen die jeweiligen Ziele erreicht werden. Den Mitgliedstaaten jedoch, die vorangehen und all ihren Strom aus erneuerbaren Energiequellen decken wollen, soll mit ERENE diese Möglichkeit gegeben werden.

Diese neue Gemeinschaft muss also die Kompetenz haben, durch

    * die Förderung von Forschung,
    * den Bau von Demonstrationsanlagen,
    * der Gründung gemeinsamer Unternehmen,
    * der Entwicklung eines gemeinsamen Fördersystems für Investitionsanreize

zur Errichtung eines europäischen Verbundnetzes beizutragen und so einen Binnenmarkt für erneuerbare Energien zu schaffen.

ERENE wäre ein Deal zwischen Staaten der Energie-Avantgarde. Ein Deal zwischen denjenigen, die über weit mehr Potenzial für die Erzeugung von grünem Strom verfügen, als sie selbst brauchen, und denen, die das Ziel des vollständigen Umstiegs nicht, zumindest nicht ökonomisch erreichen können. Ein Deal, in denen die einen das Know-how, die industrielle Kapazität oder die Finanzen einbringen und andere ihre erneuerbaren Energiequellen. Es ist ein Deal, bei dem alle gewinnen: mehr Energiesicherheit, wachsende Unabhängigkeit von den fossilen Ressourcen mit schwankenden und im Trend steigenden Preisen, moderne Technologien, zukunftsträchtige Arbeitsplätze und eine Verringerung der immensen Risiken des Klimawandels.

ERENE – das könnte ein faszinierendes Modellprojekt, ein „ grüner Stimulus“ in Europa sein, ein Projekt mit hoher Rendite, das konjunkturelle Impulse mit einem ökologischen Strukturwandel verbindet und das die großen Vorteile gemeinsamen europäischen Handelns nutzt. Der Wettbewerb um die besten grünen Ideen wurde von den USA jetzt eröffnet. Mit ERENE könnte Europa die Nase vorn behalten.

Michaele Schreyer ist ehemalige EU-Kommissarin.

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Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.